Mit "Pick Me Girls" bringt Sophie Passmann ihr gleichnamiges Buch auf die Bühne des Berliner Ensembles. In Zusammenarbeit mit Christina Tscharyiski entwirft sie einen Abend "von, mit und über" Sophie Passmann, der die Frage stellt: Welche Version unserer selbst hätten wir sein können, wenn es das Patriachat nicht gäbe? Das Publikum begibt sich auf eine ganz persönliche Reise durch Selbstzweifel, Herabwürdigung und den Wunsch nach Anerkennung - und sieht sich am Ende mit der scheinbar wichtigsten Währung des Patriachats, dem männlichen Blick, konfrontiert.
Ihr googelt den Begriff "Pick Me Girls", ich den Namen Sophie Passmann. Das allerdings erst, nachdem ich mich von dem Schock erholt habe, diesen Begriff, anstatt von einem kultivierten Jugendlichen meines Alters, von einem Dramaturgen höchst persönlich gehört zu haben. Genauso wie Dramaturg:innen eine Art haben, mit ihren Beschreibungen den Dartpfeil exakt, treffsicher und mit leicht ironischem Lächeln abzufeuern, war es also Sophies Art, den Dartpfeil einfach zu schlucken und in Form dieses Titels wieder auszukotzen. "Pick Me Girls" meinen in der Social-Media-Sprache Frauen, die ihr Verhalten vollends darauf auslegen, von männlichen Wesen gemocht zu werden und sich selbst von anderen Frauen distanzieren und abheben möchten. Eigentlich musste das Wörtchen noch nicht einmal in die Alltagssprache überschwappen, da war es schon eine Beleidigung wie ein Eigentor zugleich.
Okay: Sophie schreibt also einen Monolog nur über sich selbst (als Frau), damit man sich (als Frau) traut, mal nur über sich selbst (als Frau) zu sprechen. Es ist klar, einige erachten es als höchst kritisch, um nicht zusagen unfeministisch, dass der Text von Sophie Passmann über Sophie Passmann allein von Sophie Passmann performt wurde. Das ist aber auch gut so – die Vorstellung würde mit dem Anspruch, jedem zu gefallen, absolut an der eigenen Sinnhaftigkeit verlieren und mit einem Mangel an Penetranz die Aktualität. Es wird der eigentliche Punkt verfehlt. Es geht ja darum, dass Sophie es getan hat, dass sie es tun konnte, darum, dass sie nervt.
Ich habe ein Jahr Zeit, mir zu überlegen, was Theater für mich sein soll, was Theater für mich ist. Ich glaube, meine Erkenntnis heute besteht darin, dass ich nicht immer getroffen werden will, sondern es manchmal auch reicht, zu sehen, wie sich ein Mensch selbst trifft, vor dem Publikum, mit den eigenen Worten. Ich dachte immer, dass es im Theater einen Schuldigen geben muss, eine:n Antiheld:in oder ein Publikum, das angeschrien und verurteilt wird.
Wenn in der Kantine aber gesagt wird, Sophies Auftritt sei zynisch, oder ich hier für ihren alleinigen Auftritt argumentiere, wird also vermutlich in beiden Fällen daran vorbeigegriffen, worum eigentlich ging. Sie nimmt sich einfach das, was leider nur die wenigsten Frauen können. Sie stellt sich hin, redet über sich selbst, schließt davon auf andere – ungefragt und gefeiert. Ich glaube Sophie wollte genau das, was wir gerade tun: Dass wir so lange darüber nachdenken, ob wir es komisch fanden, dass sie sich allein auf die Bühne stellt, bis wir uns bei dem Gedanken ertappt fühlen. Die Wahrheit spricht vielleicht nicht jeden an, aber endlich mal aus, was so ganz unphilosophisch und unumwindbar im Raum steht. Hätten wir bei jedem Mal, wenn ein Mann das gleiche getan hätte, die gleichen Bedenken, so wäre ich vermutlich nur sehr selten in den Genuss von Schullektüre gekommen. Also, in diesem Sinne: Sophie, wir brauchen eine Reclam-Variante und Bedenkzeit.